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Ein Micamoca Projekt – 23.08. - 15.09.2019

 
 
 
 
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Informationen zum

Tempelhofer Wald

Auf dem Dach des Flughafens wird ein Wald entstehen. Der Tempelhofer Wald.
Am 23. August startet das Projekt Tempelhofer Wald im und auf dem Gebäude des ehemaligen Flughafens Berlin Tempelhof.

Um den Wald zu verstehen, brauchen wir das Kolloquium. Um das Gebäude zu verstehen, brauchen wir die Exkursionen. Um die neuen Nachbarn kennenzulernen, brauchen wir das Mahl. Und ohne den Wald zu verstehen, wird das Gebäude zur Ruine.

When we‘re no longer here, this will be a forest again.

 
 

Tempelhofer Wald  

Nachhaltigkeit ist die Chance Nummer eins für das 21. Jahrhundert, heißt es im Millennium-Projekt der UN-University. Wer etwas nachhaltig verändern will, sucht nach Lösungen, die ökologisches Gleichgewicht, ökonomische Sicherheit und soziale Gerechtigkeit verbinden.

Wenn wir heute darüber nachdenken, wie das Zusammenspiel von städtischer Entwicklung und kultureller Produktion zeitgemäß – also nachhaltig, leistungsfähig und sozial – gedacht und konzeptioniert werden kann, lohnt sich ein Blick in die Geburtsstunde des Begriffs Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit fand 1713 seine erstmalige Verwendung in deutscher Sprache im Sinne eines langfristig angelegten verantwortungsbewussten Umgangs mit einer Ressource bei Hans Carl von Carlowitz. Der Oberberghauptmann des Erzgebirges, einer der einflussreichsten Männer im Staat August des Starken, schrieb das Werk: Sylvicultura oeconomica. Die naturmäßige Anweisung zur wilden Baum-Zucht und gilt damit als Begründer der Forstwirtschaft.

Damals hatte die sächsische Wirtschaft ein Problem: Holzmangel. Carlowitz lernte auf seiner Kavalierstour 1665, dass dieses Problem nicht nur im Sächsischen, sondern überall in Europa existierte und dachte darüber nach, was man ändern muss. Carlowitz’ These: Schneller Profit zerstört den Wald.

Heute gibt es in Berlin viel zu wenig bezahlbaren Raum. Genau diese räumlichen Möglichkeiten, verbunden mit günstigen Lebenshaltungskosten, haben Berlin nach der politischen Wende 1989 zu einem weltweit attraktiven Ort für Künstler*innen und Kulturschaffende gemacht. Doch seit 2007 werden Räume zunehmend zum Wirtschafts- und Spekulationsobjekt.

Die Ressource, die Carlowitz erhalten wollte, war der Wald – die Ressource Berlins ist Raum für eine lebendige Kulturproduktion.

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Carlowitz sieht den Wald ganz klar ökonomisch. Doch der Wald als Raum, der mit Pflanzenformationen bedeckt ist, ist eine riesige Projektionsfläche für das Gute, genauso wie Schatten, Dunkelheit und das Unheimliche. Im Wald wohnt das numinose „ganz Andere“. Utopie neben Dystopie. Der Wald ist kulturelle Konstruktion und sprechende Landschaft. Hier wird geatmet, geraunt, geküsst, gejagt, getötet und gefällt. Der Wald ist die Gegenwelt des urbanen Raums. Ein mythischer Ort. Irgendwo da draußen. Beinahe so weit wie die Milchstraße. Wann waren wir eigentlich zuletzt im Wald?

Je weiter der Wald in die Ferne rückt, desto mehr wächst unser Heimweh nach ihm. Besonders in der Großstadt. Wir sehnen uns nach Spaziergängen in der Artenvielfalt des Waldes und flanieren durch die Vielfalt der virtuellen Weite. Nicht mehr lange, dann hat der Wald seine Ruhe.

Nach den Ozeanen sind die Wälder die wichtigste Einflussgröße des globalen Klimas, die einzig wirksame Kohlenstoffsenke und der wichtigste Sauerstoffproduzent. Photosynthese heißt das Geheimnis des Waldes, das das Leben auf der Welt generiert. Der Wald braucht Schutz. Genau genommen ist es aber so: Nicht wir schützen den Wald, sondern der Wald schützt uns.

Auf Berlin und seine Entwicklung als internationale Kulturmetropole bezogen, heißt das: nicht Berlin fördert die Kultur, sondern die Kultur fördert Berlin.

Nachhaltigkeit ist ein Begriff der Krise. Im Sächsischen drohte im 18. Jahrhundert der Kollaps des Silberbergbaus, das ökonomische Rückgrat des sächsischen Staates. Weil es nicht mehr genug Holz gab. Man könnte streiten, ob das ökonomische Rückgrat Berlins seine Kulturlandschaft ist, doch dass Berlin eine international anerkannte Kulturmetropole ist, wird niemand verneinen.

Die Vergleiche, die man zwischen den beiden vielfältigen und diversen Landschaften – Wald und Kultur – bemühen könnte, sind so naheliegend wie erhellend. Für beide Systeme gilt: sie sind offen, dynamisch und komplex und brauchen zu ihrer Unterhaltung einen Energiefluss durch das System.

Wie heute wieder der Wald bedroht ist, ist auch das komplexe System der Berliner Kulturlandschaft bedroht. Wir brauchen nicht wie Carlowitz auf Kavalierstour gehen, um zu wissen, dass diese Entwicklung sich national und international in allen Kulturlandschaften abzeichnet. Es fehlt an Raum. An Geld. An Kooperation. An Strategie. Und an Dialog.

Vor diesem Hintergrund versteht sich Tempelhofer Wald als Energiefluss durch das System der Berliner Kulturlandschaft. Die Liegenschaft, in der Dialog um Räume für Kunst und Kultur in Berlin vorangebracht und miteinander vernetzt werden soll, ist eines der spektakulärsten und ambivalentesten Gebäude Berlins: der Flughafen Berlin Tempelhof. Spektakulär und ambivalent aufgrund seiner historischen Bedeutung für die Geschichte der Stadt als Monumentalbauerwerk der NS-Diktatur, als größtes Endmontagewerk für Bomber weltweit, durch die US-amerikanische Nutzung nach dem 2. Weltkrieg mit Basketballhalle, Bowlingbahn, Sauna, Squashhalle und einem eigenen Eisladen und seiner Rolle während der Luftbrücke 1947/48.

Diesen gigantischen denkmalgeschützten Raum zwischen faschistischer Diktatur und Freiheitssymbolik, in einem bautechnischen Zustand, der kurzfristiges Handeln unabdingbar macht, zu einem Kulturstandort mit hoher regionaler und internationaler Strahlkraft, kollaborativ, nachhaltig und leistungsfähig zu entwickeln, ist eine „konkrete Utopie“.

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Utopien verwirklichen sich nicht durch kurzfristiges Denken. Zuallererst müssen wir lernen, in Waldzeiten zu denken. Für den Förster sind 100 Jahre gerade mal ein Anfang.

Um das Tempelhofer Flughafengebäude in seiner Ambivalenz kennenzulernen, wird es Exkursionen mit künstlerischen Interventionen geben: in den Turm 5, in die Kommandozentrale und in die Gepäckabfertigung. Die Exkursionen sollen den Besucher*innen einen Erfahrungsraum öffnen, der sich aus unterschiedlichsten Assoziationen zum Gebäude und zum Wald speist.

Um sich dem Wald als konkrete Utopie zu nähern, gibt es ein Kolloqium, das kreative Akteur*innen und fachliche Expert*innen vor Ort zum Dialog einlädt.

Und um alle Menschen aufzufordern, tastend und experimentierend mit dem Prozess der Verwirklichung der Utopie zu beginnen, lädt Tempelhofer Wald am 14. September 2019 eintausend Gäste zu einem Mahl. Es wird gemeinsam gegessen, sich vernetzt und auf Augenhöhe gesprochen.

Tempelhofer Wald holt den Wald mit allen seinen Schichten und Facetten, den ökonomischen, mythischen und den utopischen, als Natur- und Kulturraum in die Stadt zurück. Das versteht sich als Symbol, ist aber zugleich real. Jede/r Teilnehmer*in bekommt einen Setzling, den sie/er im Laufe der Aktion auf das Dach des Tempelhofer Flughafengebäudes pflanzen kann.

100 Jahre nach den ersten Flügen von Armand Zipfel und Orville Wright über das Tempelhofer Feld braucht es jetzt Zeit, damit auf den Plateaus aus Beton und Stahl wieder etwas wuchert. Bäume und Visionen.

Was wir jetzt pflanzen, könnte Zukunft werden. Ein Wald, ein Raum für alle. 

 

Planst du ein Jahr, so säe ein Korn. Planst du ein Jahrtausend, so pflanze Bäume. Kuan Chung